Georg Wondrak: Eine lebende Hiphop‑Enzyklopädie beim Offstage Podcast des Summer of HipHop 2025
Beim Summer of HipHop 2025 trafen Tänzer:innen und Besucher nicht nur auf spektakuläre Battles und inspirierende Workshops – zum ersten Mal wurde im Rahmen des Festivals auch ein professionelles Podcast‑Studio eingerichtet. Dort interviewte Mark Gerowski, langjähriger Coach, Juror und Podcaster, Voices der Szene zu ihren persönlichen Geschichten, Kulturverständnissen und künstlerischen Visionen. Eines dieser Gespräche stand ganz im Zeichen von Hiphop‑Wissen, Geschichte und gelebter Kultur: das Gespräch mit Georg Wondrak.
Georg, bekannt als Host der HipHop Battles beim Summer of HipHop 2025 und OG der Szene, nahm sich Zeit für ein sehr persönliches, intensives Gespräch über Herkunft, Werte, Kultur und darüber, wie Hiphop sein Leben geprägt hat. Was dabei zutage kam, ist weit mehr als eine klassische Biografie – es ist ein Blick auf die Hiphop‑Kultur aus der Sicht eines Menschen, der sie nicht nur tanzt, sondern lebt, erforscht und weitergibt.
Vom Eishockey‑Spieler zur Hiphop‑Kultur
Georg wuchs in einfachen Verhältnissen auf – sein Vater LKW‑Fahrer, seine Mutter Hausfrau in einer vierköpfigen Familie. In der Schule erlebte er früh soziale Unterschiede und Ausgrenzung. Die Hiphop‑Musik jedoch „sprach ihm aus dem Herzen“ – sie bot einen Ausdruck für all die Emotionen, die sonst nicht gezeigt werden durften. Gerade in schwierigen Zeiten – etwa während der Finanzkrise oder nach dem Tod seines Vaters – bot Tanz für ihn einen wichtigen mentalen Ausgleich und einen Weg, den Kopf frei zu bekommen.
Seine erste Berührung mit Tanz war stark von der sozialen Realität geprägt: Nicht die Klassenzimmer, sondern Street‑ und Clubkultur eröffneten ihm einen neuen Raum, in dem Gefühle sichtbar wurden und Ausdruck finden durften.
Hiphop als emotionale Entladung und kulturelle Sprache
Für Georg war und ist Hiphop viel mehr als reine Performance oder Technik. Er beschreibt, wie die Hiphop‑Musik ihn emotional berührt hat:
„Die Hiphop‑Musik hat mir so aus dem Herzen gesprochen. Alles, was ich über Jahre angestaut habe, wurde durch sie rausgelassen. Das hat mir geholfen, emotional frei zu werden.“
Diese Form von mentaler Verarbeitung zeigt, wie tief Tanz und Musik für viele Menschen sind: nicht nur ästhetischer Ausdruck, sondern Erleben, Verarbeitung und Zugehörigkeit.
Hiphop verstehen – jenseits von Moves und Choreografie
Ein zentrales Thema im Gespräch war die Frage: Was ist Hiphop eigentlich? Für viele ist Hiphop heute vor allem Choreografie, Steps und Shows – doch Georg beschreibt eine viel tiefere, historische Bedeutung:
- Hiphop entstand als soziale Bewegung in den 1970ern in der Bronx (New York)
- Er war Ausdruck von Selbstbestimmung, Protest und Gemeinschaft
- Die vier Elemente – DJing, MCing, Breakdance und Graffiti – wurden nicht bewusst geschaffen, sondern organisch aus dem Leben heraus
Georg erläutert, wie wichtig es ist, diese Ursprünge zu kennen – nicht nur als historische Fußnote, sondern als Grundlage dafür, wie wir heute Hiphop tanzen, fühlen und weitergeben.
Er zitiert Hiphop‑Pioniere wie Afrika Bambaataa und Mr. Wiggles, die nicht nur Tanzschritte gezeigt, sondern einen kulturellen Lebensraum geprägt haben. Gerade solche Begegnungen, so Georg, haben ihm geholfen zu verstehen, wie tief Tanzbewegungen mit sozialen Kämpfen und kultureller Identität verbunden sind.
Respekt vor Kultur – Basisbewegungen statt Trend
Georg betont, wie wichtig es ist, Hiphop nicht nur als Bewegungslabor für spektakuläre Tricks oder virale Clips zu sehen, sondern als Kultur mit Respekt und historischer Tiefe. Besonders im Kontext von Battles, Workshops und Meisterschaften sieht er eine Herausforderung darin, echte Basisbewegungen, Groove und Bounce zu vermitteln – bevor man zwangsläufig komplizierte Choreografien oder trendbasierte Elemente einsetzt.
Sein Tipp an junge Tänzer:innen und Trainer:innen:
„Wenn du zuerst den Groove, das Bouncen und das Hören der Musik zeigst, hast du Hiphop verstanden. Alles andere ist Add‑On.“
Diese Haltung trennt für ihn diejenigen, die die Kultur verstehen und respektieren, von denen, die lediglich einzelne Tanztechniken aus dem kulturellen Kontext lösen.
Rolle als Vermittler, Lehrer und Szene‑Beobachter
Im Interview schildert Georg, dass er sich selbst nicht unbedingt als „Botschafter“ der Hiphop‑Kultur sieht – sondern als jemand, der lernen, beobachten und weitergeben möchte, wenn er gefragt wird. Sein Ansatz ist bodenständig und respektvoll: Wissen teilen, ohne zu missionieren.
Er spricht über seine Erfahrungen als Judge, Trainer und Vermittler zwischen Generationen und als Mensch, der mehr beobachten will als belehren. Vor allem unterstreicht er, wie wichtig es ist, junge Tänzer:innen nicht festzuhalten, sondern sie loszulassen, damit sie ihre eigene Entwicklung und Identität innerhalb der Kultur ausbilden können.
Wertvolle Perspektiven für die Szene von heute und morgen
Das Gespräch bietet viele wertvolle Einsichten für Tänzer:innen, Trainer:innen und alle, die sich für Hiphop kulturell und historisch interessieren:
- Hiphop ist mehr als Moves – es ist Ausdruck einer ganzen Lebenswelt
- Basisbewegungen wie Bounce und Groove haben kulturelle Bedeutung
- Die Geschichte der Kultur verbindet soziale, politische und emotionale Aspekte
- Respekt und Offenheit sind zentral für echtes Verständnis
- Wissen weiterzugeben bedeutet, loszulassen, nicht festzuhalten
Gerade im Zuge von Social‑Media‑Trends, viralen „Hiphop‑Moves“ oder Meisterschafts‑Fokussierung betont Georg immer wieder: Kultur ist lebendig, nicht nur technisch.
Ein Geschenk für die Community
Mark Gerowski beschreibt das Gespräch als eine der tiefsten Begegnungen beim Summer of HipHop 2025. Die Insights von Georg sind nicht nur Tanzwissen: Sie geben Lebenswissen weiter, verbinden Historie mit persönlicher Erfahrung und fördern ein tieferes Verständnis von Hiphop als kulturelle Sprache.
🎧 Das vollständige Interview gibt es im Offstage Podcast auf YouTube.










